Seelsorgeeinheit Sankt Maria / Heilig Geist
in Weingarten/Württ.

Antwortschreiben zum Brief an den Bischof vom 30.10.2017


Rottenburg, 21. Dezember 2017 


Zukünftige Leitung katholischer Kirchengemeinden 

Liebe Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte, 
lieber Benno Ohrnberger, 
liebe Caroline Augé, 
liebe Marie - Luise Hildebrand, 

herzlichen Dank für Ihren Brief vom 30. Oktober 2017 an Bischof Dr. Gebhard Fürst. 
Über Ihre Anliegen gab es ein Gespräch zwischen Bischof Fürst, Weihbischof Karrer und mir, so dass ich beauftragt wurde und mir erlaube, Ihnen zu antworten. 

Zunächst möchten sich die beiden Bischöfe für den Brief und die darin enthaltenen Überlegungen und Ausführungen bedanken. Wir teilen Ihre Sorge um die Zukunft der Kirche und der Kirchengemeinden. Wir freuen uns darüber, dass Sie sich damit ausführlich beschäftigen und diesen Brief zusammen geschrieben und unterschrieben haben. Zu einigen Themen wollen wir Stellung nehmen, ohne Ihr Anliegen zu schmälern: 

Rottenburger Modell 
Das Rottenburger Modell der Kirchengemeindeordnung feiert 2018 sein 50jähriges Jubiläum. Dieses Datum nehmen wir zum Anlass, die kooperative Leitung zu einer partizipativen Leitung weiter zu entwickeln. Dann geht es darum, und das schlägt sich auch in der KGO - Reform nieder, dass der Pfarrer zusammen mit dem Kirchengemeinderat und der Kirchengemeinderat zusammen mit dem Pfarrer die Kirchengemeinde leiten. Davon versprechen wir uns neue Chancen der Motivation und Beteiligung bei gewählten Verantwortungsträgern. Im Kontext des Prozesses haben wir ja schon die Leitlinien zur Pastoralen Ansprechperson überarbeitet und sehen auch darin die Möglichkeit, vor Ort das Leitungsgefüge so zu verändern, dass Partizipation und gleichzeitig Entlastung des Pfarrers möglich sind. Meinen Sie nicht, dass darin ein Fortschritt liegt und Entwicklung möglich ist? 

Strukturveränderungen 
Strukturveränderungen sind so eine Sache. 
Es ist aktuell nicht vorgesehen, dass Seelsorgeeinheiten vergrößert werden. Wir sehen in Strukturveränderungen keine tiefgreifenden Lösungen für die Entwicklung der Kirche. Sie können vereinfachend wirken, aber sie haben wenig Entwicklungspotenzial. Dennoch wollen wir Lösungen für Kirchengemeinden und für Seelsorgeeinheiten erarbeiten, die in Zukunft keinen leitenden Pfarrer haben. Wir sind am Entwickeln von Modellen Leitung im Team für Seelsorgeeinheiten und Kirchengemeinden und an neuen Modellen für die Verwaltung. 
Die Formulierung des Bischofs, er wolle eine Kirche vermeiden, die „mehr Funktionäre als Gläubige“ habe, ist unglücklich und missverständlich. Dass sie jemanden verletzt hat, war keine Absicht des Bischofs, er bittet um Entschuldigung. Die Formulierung spiegelt genau den Streit, ob Kirchenentwicklung durch eine Strukturreform oder durch einen geistlichen und pastoralen Prozess ermöglicht wird. Sicher gibt es zwischen beiden eine Schnittmenge, dennoch meinen wir, die pastoralen Fragen sind wichtiger als die strukturellen. Die pastorale Entwicklung im Sinne eines Veränderungslernens ist wichtiger als die Optimierung z.B. durch neue Zugänge zu den Ämtern. 
Dennoch haben Sie Recht, das eine muss das andere nicht ausschließen: 

Ämterfrage 
Weihbischof Karrer wird sich daher in der Pastoralkommission der Bischofskonferenz für die Zulassung von Frauen und Männern zu allen Weiheämtern, unabhängig von ihrer Lebensform, einsetzen. Bischof Fürst setzt sich auch weiterhin für den Zugang der Frauen zum Amt der Diakoninnen ein, wie er es im Gespräch mit der Frauenkommission am 6.12.2017 bekräftigt hat. 

Zukunft der Gemeinden 
Wenn es um die Zukunft geht, dann können die Gemeinden nicht bleiben, wie sie sind. Wir merken ja, dass sie sich verändern, dass das Leben in und mit der Gemeinde für die meisten Christen heute keine Option mehr ist. Die Veränderung der Gemeinde schreitet voran, auch wenn wir ihr Personal erhöhen. Wir meinen, dass wir schmerzvoll von dem Bild der Kirchengemeinde Abschied nehmen müssen, das als Pfarrfamilie bezeichnet wird. Genauso verabschieden müssen wir uns von der Aufbruchskirche der 80er Jahre. Wir befinden uns in einer neuen komplexen Situation, deren Zukunft nicht voraussehbar ist. Es ist nur so viel klar, dass die Verlängerung der alten Lösungen nicht greift. 

Natürlich wäre es schön, wir hätten viele Pfarrer und viele Hauptamtliche. Dennoch bietet der Mangel die Chance, Kirche neu zu gestalten. Dazu sollten wir uns und unsere Gemeindemitglieder ermutigen. Diese nehmen sowieso, ob wir es wollen oder nicht, ihre Religiosität selbst in die Hand und picken sich heraus, was sie brauchen. Wir könnten dem nachgehen und uns überraschen lassen, was herauskommt, wenn wir uns auf die Bedürfnisse der Menschen einstellen. 

Jedenfalls wünschen wir uns, dass die komplexe Situation mehr genutzt wird, um kreative Ideen zu entwickeln und Neues auszuprobieren. Was können wir neu und anders machen? Wo können wir einen Schwerpunkt setzen und anderes weglassen und anderen überlassen. Wir sind geprägt von dem Bild, dass in der Gemeinde die ganze Kirche in ihrer Fülle abgebildet und in Angeboten sichtbar wird. Das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. In der Gemeinde wird es bestimmte Vollzüge geben und diese werden ergänzt durch Leistungen anderer kirchlicher Orte. Spannend ist daher die Frage, was macht unsere Gemeinden und unsere Seelsorgeeinheit aus, was gibt es bei uns besonders und was gibt es nicht ? Dabei spielen lokale Herausforderungen, aber auch Charismen und Ressourcen eine Rolle. 

Kirche als Sakrament 
Wenn wir das Alte sowieso nicht retten können, dann sollten wir freigeben. Die Kirche als Sakrament ist die Kirche als Zeichen und Werkzeug des Reiches Gottes in der Welt. Sind wir das schon? Jedenfalls lädt diese Beschreibung der Kirche zum Aufbruch in die Welt, zum Verlassen der Binnenstrukturen und zum Entdecken des Evangeliums in der Welt ein . Vielleicht kommt aus dieser Überschreitung des Binnenkreises neue Energie gegen eine Art Ermüdung, die wir auf allen Ebenen wahrnehmen. 

Ich nehme an, unsere Antworten sind für Sie nicht befriedigend. Trotzdem hoffen wir, dass wir Ihnen einen Anstoß geben können, umgekehrt geben Sie uns einen Anstoß, eine weitere Schleife in unseren Überlegungen zu drehen: Was brauchen die Gemeinden wirklich? Wo müssen wir sie in notwendigen Abschieden begleiten, wo ihre Anliegen ernster nehmen? 

Wir alle geben unser Bestes, Sie und ich, und uns allen geht es um das gleiche, nicht um den Erhalt der Kirche, sondern um das Evangelium mitten unter den Menschen. Das verbindet uns bei allen (noch) unterschiedlichen Positionen. 

Gerne bin ich bereit, Sie in einer gemeinsamen Sitzung der Kirchengemeinderäte zu besuchen! 

Herzlichen Dank und freundliche Grüße 


Dr. Christiane Bundschuh-Schramm 
Referentin des Weihbischofs für Grundsatzfragen